Auf großer Fahrt

Christian Zaic fuhr Graz - M´hamid - Graz im Mercedes 240D, Baujahr 1980

Angeregt durch die Reisen eines jungen Mannes aus Deutschland, hat mich das nordafrikanische Reisefieber gepackt. (Markus Besold ist seit drei Jahren mit seinem 200 D auf Weltreise - nachzulesen unter www.brauner-benz.de.)
Meine ersten Planungen sollten mich nach Libyen bringen, doch leider wurden nach dem 11. September 2001 die Einreisebestimmungen verschärft. Das bedeutet: natürlich Visa, und die Einreise ist nur in Gruppen ab 4 Personen gestattet. Alles noch zu schaffen, doch zusätzlich muss man noch einen libyschen Führer an Bord (!) mitnehmen und darf dafür ca. EUR 50 pro Tag berappen. Ersatz war schnell gefunden: Marokko. Einreise denkbar unkompliziert: EU-Pass an der Grenze vorzeigen, die marokkanische - vom Chaos dominierte - Grenzabfertigung abwarten (ca. 1,5 Stunden) und ab geht's in ein unglaublich schönes Land...

Zunächst darf ich ganz kurz die Mitwirkenden vorstellen: Die Hauptrolle spielt ein Mercedes-Benz 240D der Baureihe W123, bei Abfahrt mit einem Kilometerstand von 456.000 km. In den Nebenrollen treten Christian (ich/30/Fahrer), Barbara (Freundin/28/Beifahrer) und ein Garmin GPS V auf.

Der Benz befand sich seit 1998 in meinem Besitz und wurde von mir mit 220.000 km übernommen. Neben den üblichen Serviceintervallen wurden nur die Lichtmaschine (1999/Schottland) und die Wasserpumpe (2000/Griechenland) getauscht. Für die Fahrt nach Marokko wurden ein paar wenige Verfeinerungen am Wagen vorgenommen: Das Motoröl wurde wegen der zu erwartenden Hitze gegen ein 20W50 Öl getauscht (wäre vielleicht im nächsten Sommer auch nördlich der Alpen überlegenswert), die Hinterachsfedern wurden gegen verstärkte Federn getauscht und die Ölwanne wurde mit dem bei DB zu beziehenden Unterfahrschutz geschützt. Beides war übrigens Teil der sogenannten "Tropenausführung", die als Sonderausstattung bestellt werden konnte oder z.B. im Nahen Osten zur Serienausstattung gehörte. Weiters waren noch an Bord: 3 Reservereifen, Reifenspray, 2 Reservekanister, Keilriemen, Luftfilter, etc.
Die Reise nach Marokko begann mit einer sehr gemütlichen Fahrt von Graz nach Genua, da wir uns entschlossen hatten, die Fähre von dort nach Tanger zu nehmen, um der langen und teuren Fahrt nach Spanien zu entgehen. Fähre kostet für 2 Personen und Benz ca. EUR 1.000,- und man bekommt dafür eine einfache 4-Bett-Kabine und ganz hervorragendes Essen im Selbstbedienungsrestaurant. Die Überfahrt dauert 48 Stunden und wurde von uns für einen französisch Crashkurs genutzt, da wir beide dieser Sprache nicht mächtig waren.

An Bord waren wir übrigens die einzigen (!) Europäer, da diese Verbindung vor allem von marokkanischen Gastarbeitern genutzt wird. Hier erlebten wir zum erstenmal, was arabische Gastlichkeit bedeutet. Noch nie wurden wir von so vielen Menschen zum Tee eingeladen (inkl. Kapitän!), in ein Gespräch verwickelt oder von den Schiffsarbeitern freundlich angelächelt, als wir unser Auto im Rumpf parkten (...oder war das eher Mitleid?). Schnell waren Freundschaften geschlossen, man traf sich zum Frühstück, faulenzte tagsüber an Deck und wir bekamen etliche Einladungen in alle Teile Marokkos. Verständigung war kein Problem: Hände, Füße, Stift und Papier und ein paar Brocken Französisch, Italienisch und Englisch reichen aus, um sich köstlich zu amüsieren.

Am zweiten Tag um 9 Uhr in der Früh legte also die "MS Marrakesch" in Tanger pünktlich an. Eine gewisse Aufregung hat sich bei uns schon breitgemacht, die Papiere für die Einreise mussten erledigt werden, um diese dann bei den Zollbeamten abzugeben. Nachdem sich alle Verwirrungen aufgelöst haben ... also nachdem jeder Beamte unsere Pässe - und die aller anderen, die in der Kolonne standen - mindestens 4 mal untereinander getauscht und durch drei verschiedene Zollgebäude getragen haben, stiegen wir ein und....und nichts... kein Klicken ...kein Brummen... kein Rattern... der Benz war offensichtlich und hörbar seekrank geworden und wollte trotz neuer Batterie, neuem Starter keinen Mucks von sich geben. Natürlich hat sich sofort jemand gefunden der uns anschob.

Der Wagen lief sofort und wir wollten auch eine Werkstatt ansteuern, aber da Tanger ein etwas verrufenes Pflaster sein soll, haben wir uns entschlossen weiterzufahren und erst am Nachmittag in einem Ort zu halten, um der Sache auf den Grund zu gehen. In einem kleinen Dorf angekommen, haben wir mal vor einem Restaurant gestoppt, um das längst überfällige Mittagessen einzunehmen und siehe da...nach dem Essen war der Benz wieder ganz der Alte (na ja, nicht ganz, zurück in Österreich ging nach einer Motorwäsche gar nix mehr, Grund: die Schrauben des Magnetschalters hatten sich gelockert, bzw. waren zu 2/3 nicht mehr vorhanden, dürfte wohl auch der Grund für den ersten Lapsus gewesen sein). Das erste große Ziel war dann Rabat, die Hauptstadt Marokkos.

Ein besonderes Erlebnis, dort in der Abenddämmerung in die Rush Hour zu kommen, um zwischen hunderten hupenden Taxis (alles W 123!), Esel- und Kamelgespannen und schwertragenden Händlern ein bestimmtes Hotel zu finden, das man sich im Führer ausgesucht hat. Der Benz wurde bei der angrenzenden BP Tankstelle geparkt und in die Obhut des Tankwartes gegeben, der dafür 20 Dirham (ca. EUR 2) erhielt. Beim Auspacken spricht mich ein sehr elegant gekleideter Marokkaner in bestem Oxford English an, was wir hier machen, woher wir kommen, etc. Im nächsten Moment hatte uns Zine auch schon in ein kleines Restaurant eingeladen, wo wir den Rest des Abends mit ihm verbrachten. Nachdem er uns zu unserem Hotel begeleitet hatte, wurden wir nicht entlassen, ohne für den nächsten Abend eine Einladung in sein Haus anzunehmen.

Tatsächlich waren wir am nächsten Abend Gäste in seinem Haus... natürlich waren seine Geschwister, seine Eltern, die Eltern seine Frau, Freunde der Eltern auch zu Gast. Ein herrliches Fest.
An dieser Stelle möchte ich nicht verheimlichen, dass es natürlich auch unangenehme Situationen gibt, vor allem wenn man von Händlern oder nicht offiziellen Führern angequatscht wird. Ein scheinbar weltweites untrügliches Zeichen zur Vorsicht ist die überschwängliche Anrede in gebrochenem Englisch: "Hello, my friend"... da ist dann meistens Vorsicht geboten, weil irgendjemand irgendetwas will, in der Regel Geld. Hat man diesen Trick heraußen und hat man auch genug Geduld, um den lästigen Menschen zu ignorieren lebt es sich in Marokko ganz wunderbar.

Weiter ging die Reise nach Marrakesch, wo wir 2 min vom Djamaa el-Fna (dem Platz der Geköpften - wie der Hauptplatz dieser wunderbaren Stadt heißt) in einem schönen Hotel abstiegen. Übrigens gibt es in Marokko sehr viele Hotels unterschiedlichster Kategorien. Es ist kein Problem, 300 oder 400 Euro pro Nacht auszugeben, aber man findet auch ganz reizende Hotels für 8 oder 9 Euro für zwei Personen. Durchweg sauber und sehr authentisch!
Marrakesch ist der Inbegriff einer arabischen Stadt, enge Gassen, Souks, Gerüche und Farben jeder Art und Intensität. Am Djamaa el-Fna findet man tagsüber 65 durchnummerierte Orangensaftstände, die alle nebeneinander im Kreis stehen und alle...na ja...Orangensaft verkaufen. Auch eine Form der freien Marktwirtschaft. Wenn es dunkel wird, beginnt aber erst das richtige Leben in dieser Stadt, dann bevölkern dutzende Märchenerzähler, Schlangenbeschwörer und Quacksalber den Platz, in dessen Mitte sich eine unzählbare Menge an Garküchen mit Tischen und Bänken angesiedelt hat. Dort isst man ganz hervorragend und billig.
Das nächste Ziel der Reise sollte die Besteigung des Toubkal - dem mit 4.170m höchsten Berg Nordafrikas - werden, das wir mit einigen Hindernissen - magentechnischer Natur - auch erfolgreich erreichten. Die Fahrt geht über Schotterpisten auf ca 1.700m, wir übernachteten dort im Hotel und gingen am nächsten Tag auf die Nelter Hütte und am zweiten Tag auf den Gipfel.

Wer doch noch bei guter Gesundheit ist, kann den Abstieg wagen, zumal man ja beim Aufstieg die Rucksäcke von einem Esel tragen lassen kann (einzige Einnahmequelle der örtlichen Bevölkerung!), wer - wie wir - die Aussicht und die hervorragenden sanitären Anlagen noch genießen möchte, übernachtet nochmals auf der Nelter Hütte.
Beim nächsten Reiseabschnitt stand wieder mein Benz im Vordergrund, ging es doch nun um die Überquerung des Atlasgebirges, doch Dank der überraschend guten Asphaltstraßen (viele davon erst vor kurzem angelegt und von der EU gefördert) und der robusten Konstruktionsweise des W123 alles kein Problem, wunderbare Serpentinenstrassen mit herrlichen Ausblicken in die weiten Ebenen.

Der südlichste Punkt, den wir ansteuerten, war die Oase M´hamid, in der sich schon etwas Wüstenfeeling einstellt, obwohl man sich natürlich noch immer in der "Zivilisation" befindet und bis dahin noch keinen Mercedes G braucht.
Auf dem Rückweg kamen wir zu einem weiteren Highlight der Reise: Die Fahrt in die Todhra und Dades Schluchten. Die Schluchten befinden sich in der Nähe der Stadt Ouarzazat - sprich "Wawasasat", der Heimat der Atlas Film Studios (Asterix und Obelix, Cancoon, Tibet, etc) - sind etwa 60km voneinander entfernt und verlaufen etwa parallel von Nord (der höchsten Stelle) nach Süd zur Hauptstraße.

Der geneigte Autotourist fährt in der Regel in eine der Schluchten ein, bestaunt sie, verlässt sie, um nach einiger Zeit die zweite zu bewundern. Dazu ein Zitat aus Erika Daerrs Marokko-Führer: "Nach Ende der Teerstrasse ist die Strecke nur noch mit Allrad oder zumindest hochbeinigem Fahrzeug (VW-Bus geht) zu befahren. ...wegen der Höhenlage gelegentlich Motorschwäche auf der Passhöhe..." Hmmm... Sie ahnen, was das bedeutet. Richtig - was ein VW Bus kann, muss auch ein W123 können. Höhergelegt war er ja (zumindest hinten, vorne war der Unterfahrschutz) und Motorschwäche hat der 240D (65PS) auch auf Meeresniveau. Gesagt getan, es begann eine abenteuerliche Fahrt durch die einsame Bergwelt des Atlas, Entlang von schroffen Felsen, tiefen Schluchten und mehreren Durchquerungen von Flussbetten ging es auf ca. 2.700m.

Überwältigt von den Naturschönheiten und den Klängen der Bodenplatte und der Auspufftöpfe bei Bodenkontakt meisterten wir diese Passage in ca. 8 Stunden. Mitten in der Einöde wurden wir dann auch noch von Beduinen eingeladen bei Ihnen zu übernachten und wurden natürlich zum Abendessen eingeladen.Die Rückreise nach Tanger war schön und ereignislos. Vor der Abfahrt der Fähre gönnten wir uns noch eine Nacht im Hotel Continental, einem Prachtbau aus der Kolonialzeit, in dem man die britischen und französischen Reisenden förmlich mit Ihren Tropenhelmen und Wüstenkappen spüren konnte, wie auch sie dem Charme dieses Landes und seiner wunderbaren Menschen verfallen waren.

Text und alle Aufnahmen auf dieser Seite: © Christian Zaic